Wenn es Zeit ist zu fühlen.

Wenn es Zeit ist zu fühlen.

Gefühle sind da, um bewegt zu werden. Sitzen sie fest, kann uns das daran hindern, direkt mit dem Leben in Kontakt zu treten. Wenn sich viel aufstaut, fühlen wir uns manchmal wie betäubt. Oder wir fühlen uns sehr schwer, jede Handlung ist anstrengend. Das merkst du auch, wenn es dir zum Beispiel schwerfällt, Gesprächen zu folgen und du dich nicht so gut auf Kontakte mit deiner Umwelt einlassen kannst. Oder wenn du dich ständig versuchst abzulenken, dich aber nach der zehnten Netflix-Folge noch schlechter fühlst als vorher. Das Verdrängen von unerwünschten Gefühlen ist anstrengend. Es zerrt auf die Dauer an unserer Kraft. Warum tun wir es dann? Meist liegt es daran, dass wir nicht ausreichend gelernt haben, mit unseren herausfordernden Gefühlen umzugehen. Es kostet uns Mut, Gefühle wie Wut, Trauer und Schmerz zuzulassen und es benötigt unsere Präsenz, wenn wir es tun. Kinder brauchen die Geborgenheit einer erwachsenen Person, um zu lernen, sich in Momenten intensiver Gefühle zu halten. Dies können wir als Erwachsene für uns selbst tun, wenn wir beginnen, die Gefühle zuzulassen und dabei präsent bleiben können. Weil wir es aber oft so gewohnt sind, Gefühle beiseite zu schieben, fällt es gar nicht leicht, diese plötzlich zuzulassen. Dabei kann es helfen, wenn du dir vorstellst, dich wie dein eigenes Kind zu halten und dir dabei eine liebevolle Berührung schenkst. Schaffe für dich selbst einen sicheren Raum, in dem du für dich und deine Gefühle gut da sein kannst.


Wie sich uns unsere Gefühle zeigen, verändert sich im Laufe des Menstruationszyklus. Im inneren Frühling und Sommer merken wir manchmal gar nicht, wenn wir einige Gefühle beiseiteschieben. In dieser Zeit ist unsere Aufmerksamkeit eher nach außen gerichtet und wir sind bereit, mehr zu geben. Viele Frauen erleben aber ein regelrechtes Gefühlschaos im inneren Herbst, der prämenstruellen Phase des Zyklus. In dieser Zeit ist die Verbindung mit unseren Bedürfnissen stärker und es fällt uns viel schwerer, Gefühle zu unterdrücken. Vielleicht kennt ihr das: wir sind reizbar, fühlen uns innerlich aufgewühlt und falls sich im Laufe des Zyklus sehr viel angestaut hat, platzt es jetzt aus uns heraus. Hast du während der ersten Phase des Zyklus viel hingenommen, obwohl du es vielleicht nicht wolltest oder war es einfach eine sehr herausfordernde Zeit für dich, macht sich das im Herbst oft umso stärker bemerkbar. Auch wenn es herausfordernd für dich sein mag, sieh jetzt hin! Jedes Gefühl, dass von dir als solches gesehen wird, ist auch eine Chance, in näheren Kontakt mit dir und deiner inneren Wahrheit zu treten. Es ist eine Möglichkeit in einen tieferen, ehrlicheren Kontakt mit dir selbst zu gehen. Das kann dir zum Beispiel aufzeigen, was als Nächstes zu tun ist. Siehst du immer wieder weg, werden wichtige Erkenntnisse über dich, dein Leben und deinen weiteren Weg ungesehen bleiben. Vielleicht wird das Gefühl dann irgendwo in dir vergraben warten und später wieder anklopfen, wenn du bereit dafür bist. Vielleicht wird es sich so tief vergraben, dass es nicht als Gefühl, sondern als körperliches Symptom wie Rückenschmerzen, Bauchschmerzen oder starke Müdigkeit wieder auftaucht. Bis du die herausfordernden Gefühle wahrnimmst, werden sie sich an der einen oder anderen Stelle immer wieder bemerkbar machen.

Wenn wir über diesen Zustand wissen und uns selbst während des Zyklus im Blick haben, ist es leichter, mit den sich anbahnenden Gefühlen im inneren Herbst umzugehen. Sei dir bewusst darüber, dass es auf die Dauer anstrengender ist, die Gefühle zu unterdrücken als sie zuzulassen. Wenn sich viele Gefühle angestaut haben und du spürst, wie der innere Druck größer wird, gibt es Möglichkeiten, damit umzugehen. Ein paar davon möchte ich heute mit dir teilen.

1. Bring die aufgestauten Gefühle in Bewegung. Wenn Gefühle im Körper bewegt werden, verändern sie sich und können sich dir dann wieder von einer anderen Seite zeigen. Wenn wir die Schwere der Gefühle spüren, ohne genau zu wissen, was eigentlich konkret los ist, hilft es erst einmal, alles in Bewegung zu bringen, damit es sich dann wieder neu ordnen kann.

Gefühle können bewegt werden durch bewusste Atmung, durch körperliche Bewegung oder durch Töne. Atme ganz bewusst zu der Stelle in deinem Körper, an der das Gefühl sitzt. Tanze oder schüttle dich. Mach dabei gerne eine Musik an, die dir dabei hilft, in deinen Körper zu kommen. Achte darauf, dass du dich genauso bewegst, wie du dich von innen heraus fühlst. Töne mit deiner Stimme, seufze laut, schreie, mache alle Laute dich sich gut anfühlen. Damit erleichterst du den aufgestauten Druck. Achte bei Atmung, Bewegung und Tönen ganz bewusst darauf, was sich körperlich verändert.

2. Hinter der Wut ist der Schmerz. Du kannst dir deine Gefühle vorstellen, wie eine Zwiebel. Eines schichtet sich über das andere. Oft spüren wir schon, dass ein Schmerz sehr tief sitzt, aber können es noch nicht zulassen. Dann haben sich andere Gefühle darüber geschichtet, die zuerst gesehen werden müssen. Schließe für einen Moment die Augen. Welches Gefühl nimmst du zu allererst wahr? Genau dieses Gefühl ist dann dran, von dir gesehen zu werden. Vielleicht geht es dir auch so wie mir, dass die Tränen manchmal einfach nicht fließen wollen, obwohl du dich danach sehnst, weil sich soviel angestaut hat. Auch dann gibt es ein anderes Gefühl, das vorher gesehen werden muss. Oft ist das die Wut. Spürst du also einen inneren Gefühlsstau oder eine innere Schwere, die sich nicht lösen will, versuche es einfach mal mit dem nächsten Tipp.

3. Lasse deine Wut raus! Oft ist uns gar nicht klar, wieviel Wut und Ärger sich in uns aufgestaut hat. Vor allem als Frauen haben wir meist nicht gelernt, wie wir eigentlich mit unserer Wut umgehen sollen. Egal woher diese Wut kommt, sie braucht deine Aufmerksamkeit und deine Zuwendung. Sie kann gut gefühlt und losgelassen werden, wenn du z.B. mit einem Stock oder einfach mit deiner Faust auf ein Kissen oder auf eine Matratze schlägst. Auch wenn dich das anfangs Überwindung kostet, wenn du einmal damit angefangen hast, kann es sein, dass sich immer mehr Wut und Rage freisetzt. Halte dich nicht zurück und schreie auch laut heraus, was oder wer dich so wütend macht (wenn es die häuslichen Umstände zulassen). Wie gesagt, hinter der Wut steht der Schmerz. Nachdem du deine Wut rausgelassen hast, kann es sein, dass du weicher wirst und dass auch Tränen fließen. Lass das zu. Tränen sind reinigend und heilend für unsere Seele. Nachdem Tränen geflossen sind, schöpfen wir neue Kraft und wir wissen oft, was als Nächstes zu tun ist.
Ich wünsche dir viel Mut und Vertrauen dabei, zu dem Gefühl hinzusehen, dass sich dir als nächstes zeigt. Möglicherweise ist es ein weiterer, wichtiger Hinweis auf dem Weg zu einem erfüllteren, weil wahrhaftigeren Leben.